Lasse Reden….

Ein Gastbeitrag von Monika Holstein

Wir treffen uns abends, nach getaner Arbeit kreuzen sich unsere Wege. Ein ungleiches Paar, wir sinken ins Canapé, von Erschöpfung gezeichnet. Mein Kopf schwirrt wie immer, als hätte sich ein Schwarm tollwütiger Bienen eingenistet über den Tag. Gesprächsfetzen aus mehr oder weniger artgerechter Bürohaltung flackern auf, Reste vom Flurfunk, dem üblichen Tratsch hinter vorgehaltener Hand. Wer gegen wen – und wie findest du die Neue? Und hast du den Rock von der Chefin gesehn? Gefühlt reicht die Summe an Energie, die Max Mustermann und seine Kollegen im Laufe eines Tages in die Stille Post am Arbeitsplatz investieren, wahrscheinlich locker aus, um einen Kleinwagen ohne weitere Beigaben von Husum nach Oberstdorf zu verklappen.

Meiner Sofanachbarin scheint es ähnlich zu gehen, sie ordnet ermattet ihr Haarkleid. Ich mustere sie kritisch, unsere abendliche Erschöpfung wirft ein gedämpftes Licht auf ein paar signifikante Parallelen – denn Mensch und Tier, sie ähneln hier…
Stellenbeschreibung einer Vierbeinerin: Sie hockt hinter Glas, kommentiert die stumme Welt da draußen mit Lamento – wie wir alle. Die Zielgruppe jenseits der Scheibe hört davon nichts. Der aufgeregte Tanz hinter der Scheibe ist also wenig zielführend, zumal er die Protagonisten durchaus erschöpft. Nicht nur meine Katze hält das für Wahrheit, was der kleine Bildausschnitt aus ihrem Guckloch suggeriert: Schnipsel von geringer Halbwertszeit, ohne Kontext und meist schlecht montiert zu obskuren Geschichten. Ich denke peinlich berührt an meinen ritualisierten Morgenkaffee mit den Lästerschwestern im Flur, denn so mancher Austausch im Team gleicht eher einer Art Säureattentat als einem konstruktiven Austausch unter Kollegen.

Das Thema hat mich nun endgültig gepackt, ich pelle mich schlapp aus den Sofakissen und begebe mich forschend auf Suche: Ursachen und Folgen des alltäglichen Stimmungsgewitters hinter vorgehaltener Hand. Warum in aller Welt tratschen wir? Ist das überall so und wie blickt eigentlich ein Psychologe auf den Allerweltsklatsch – einmal nüchtern positioniert auf dem Objektträger wissenschaftlicher Beschau?

Ist er nicht wenigstens ein bisschen gesund, der gemütliche Plausch über den Chef und dessen doch so präsente Marotten?

Und wann schlussendlich wird es so richtig toxisch, das soziale Geschnatter zwischen Rufmord und Mobbingalarm?
Eins nach dem anderen. Ich nehme zur Kenntnis, dass der durchschnittliche Angestellte etwa 65 Stunden jährlich damit zubringt, den Abgleich zwischen sich selbst und seinem sozialen Umfeld twitternd, schwätzend oder lästernd unter Kontrolle zu bringen; so schreibt es zumindest M. Holzmann vor einiger Zeit in der Süddeutschen Zeitung. Das ist enorm, ein nicht zu unterschätzender Aderlass in Arbeitseinheiten, die zielführenderweise an Synergien interessiert sind – und weniger an den zeitraubenden Ausdünstungen des betriebseigenen Lästerbiotops.

Und ist der Feind erstmal definiert und dingfest gemacht, dann wird erst so richtig warm in der eigenen Hütte.

David Riesmann, amerikanischer Soziologe ( 1909-2002)

Und auch der fragende Blick ins Geschichtsbuch lässt ahnen, dass schon die Urvölker unseres eiernden Globus den Klatsch über den Nachbarzaun schätzten und pflegten, zumal er den Schutz vor potentieller Gefahr und marodierenden Säbelzahntigern zu steigern vermochte. Selbst bei Kindern im Vorschulalter lässt sich absichtsvoller Austausch von Informationen über nicht anwesende Knirpse beobachten, die Erzieher können ein Lied davon singen.


Warum in aller Welt also ist Homo sapiens bei aller Differenziertheit so anfällig für triviale Gerüchteküchen wie meine Rosen für Blattläuse?

Der herkömmliche Klatsch in den Niederungen menschlicher Begegnung – so viel vorweg – ist harmlos und erfüllt in der Regel einen wichtigen Zweck in sozialen Gefügen. Er gehört zum Alltag und ist teilweise recht nützlich. Menschen hören sich Klatschgeschichten gern an, auch um sich selbst besser einschätzen zu können. Für ein bestimmtes Segment von Presse-Erzeugnissen – literarische Notdurft beim Friseur oder beim Orthopäden – beschert dieser allzu menschliche Impuls ein noch immer recht einträgliches Geschäft.

Der Klatsch über Missgeschicke Dritter stärkt den Selbstwert und stabilisiert das Ich-Gefühl eines Menschen.

Der kleine Austausch trivialer Nachrichten, der Abgleich von Meinungen und das gemeinsame Ausloten gesellschaftlicher Großwetterlagen dient der persönlichen Psychohygiene, dem Schutz eigener Interessen und verbessert in Grenzen auch nachweislich das soziale Klima in Gruppen. Auch auf längere Sicht hin, das belegen zahlreiche Studien, sind Klatsch und Tratsch funktional und eher selten manipulativ im Sinne von rufschädigender Attitüde.

Ich atme auf, das klingt erleichternd, denn unter uns: Wie schwer ist es häufig, die innere Balance zu halten in so manch pseudovertraulicher Unterredung, die nichts anderes zum Ziel hat, als einen oder mehrere Dritte in ein denkbar schlechtes Licht zu rücken? Und wie wenig fühle ich mich selbst oft imstande, mutig und klar Position zu beziehen, wenn die Interessen abwesender Dritter in deutlich abwertenden Kontexten ventiliert werden? Ich gelobe stumm Besserung und blättere weiter.

Ein Schatten fällt auf das, was sich einerseits gut eignet, um soziale Normen innerhalb einer Gruppe zu etablieren und dadurch Mensch davon abzuhalten, sich gesellschaftsschädigend zu verhalten.

„Denn wer nicht Opfer der nächsten Tratsch-Attacke werden möchte, der verhält sich in der Regel freiwillig so, wie es den ungeschriebenen Gesetzen der Gruppe entspricht.“

Christian Schudt, Klatsch!Vom Geschwätz im Dorf zum Gezwitscher im Netz

Und wie zwei Seiten ein- und derselben Medaille kann unser trauter Plausch, einmal verbal entgrenzt, soziale Gefüge angreifen, Ansehen und Beziehungen zerstören und nicht zuletzt Karrieren beenden.
Der Spannungsbogen vom harmlosen Gezwitscher zum Rufmord auf Raten, in gravierenden Fällen sogar im Sinne eines strafrechtlich relevanten Geschehens, zeigt eindrucksvoll, wie sehr der Charakter unseres täglichen Klatschpensums abhängt von eher aus der Mode gekommenen Werten wie Respekt, Loyalität und der Achtung vor der Würde eines Menschen.

Digitale Spielwiesen mit ihren anonymen Freiräumen leisten da Vorschub, wir können das nicht ohne Gruseln in sozialen Netzwerken erleben. Hier wuchert das, was der amerikanische Psychoanalytiker Arno Gruen in seinem Lebenswerk über den Verlust des menschlichen Mitgefühls erforschte und als Friedensmahner immer wieder nachdrücklich beschrieben hat: tiefgreifende Prozesse von kollektiver sozialer Verrohung, die unser aller Ressourcen angreifen – den Ast, auf dem wir letztendlich alle in unseren Komfortzonen sitzen.
Auch unfreiwillig werden wir beeinflusst von den Ausdünstungen so manch heftig brodelnder Gerüchteküche. Irgendetwas hört man immer, unfreiwillig werden wir oft Zeugen von Vorurteilen und abträglichen Zuschreibungen scheinbar unsympathischer Wesenszüge eines Kollegen. Automatisch setzen wir im Kontakt mit derart ausgespähten Personen andere Präferenzen – oft genug ohne sie näher zu kennen oder überhaupt zu wissen, wie unsere Zusammenarbeit mit der betreffenden Person aussehen würde.

Auf dem Kompost von Klatsch und Tratsch gedeihen so soziale Ängste und Vorurteile, die nicht selten sogar zum eigenen Nachteil gereichen und Entwicklungsmöglichkeiten einschränken. Wirklich unvoreingenommen – seien wir ehrlich – sind wir nach einer ausgiebigen Lästersession mit Freunden oder Kollegen nicht mehr, auch wenn wir dabei eher stumm auf der Reservebank hocken.

Wie wir selbst unsere Artgenossen wahrnehmen – und damit schließe ich meinen Feierabendexkurs zu einem zeitlos-geschwätzigen Thema – sagt wenig über den Anderen, aber viel über unsere eigene Persönlichkeit aus. Sehen wir unsere Zeitgenossen überwiegend positiv, dann spricht das eher für eine stabile, mental gesunde Persönlichkeit. Sprechen wir generell eher schlecht über den Dritten jenseits unserer mentalen Glasscheibe, dann weist das untrüglich auf eigene Defizite, auf Unzufriedenheiten, die wir zu Lasten eines anderen zu kompensieren trachten. Dustin Wood, Psychologe an der Wake Forest University, hat das in akribischer Forschungsarbeit für uns herausgefunden, was schon meine Urgroßmutter wusste:

„Hinter dem Rücken mich mancher bespricht. Wär ich zugegen, er täte es nicht“

Die Katze, erwacht aus ihrem abendlichen Delir, blickt nervös zum Wohnzimmerfenster. Nicht, dass der Dicke von nebenan wieder unbefugt ihr Revier markiert, für wen hält der sich bloß? Mit einem Detox-Tee, einem über den Augenblick hinausweisenden Zitat von Arno Gruen und einem strammen Lästerdiätplan für den langsam heraufziehenden Tag trolle ich mich ins Bett:

„Wir sind keine Ameisen oder Graugänse, die ihrer genetischen Bestimmung folgen. Wir können denken und wählen und über unserer Geschichte nachdenken.“

Die Autorin: Monika Holstein, Jg.63, lebt und arbeitet freiberuflich in ihrer Wortwerkstatt als Gesprächstherapeutin, Autorin und Lektorin im Raum Bonn und Stuttgart.

Photo: Pixabay/code404

2 Kommentare zu „Lasse Reden….

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