Lesen lernen wir später

Vor ein paar Tagen ist mir zufällig Robert begegnet. Er gehört zur Gruppe der Analphabeten. Er ist damit nicht allein. Denn 7,5 Millionen Menschen in Deutschland können kaum lesen und schreiben. Sie sind zwar alle zur Schule gegangen, aber kennen nur ein paar Buchstaben. Viel mehr jedoch nicht. Deshalb leben sie in ständiger Angst entlarvt zu werden, so auch Robert M. aus Potsdam.

Robert M. (Name von der Redaktion geändert) hat die Schule ohne Abschluss verlassen weil er weder lesen noch schreiben kann. Der schlaksige 20-jährige mit den rotblonden Locken gehört zu der Gruppe der funktionalen Analphabeten. Trotz Schulpflicht können die Betroffenen kaum lesen oder schreiben. Robert ist kein Einzelfall. Nach der neuen großen „LEO Studie“ der Universität Hamburg leben allein in Deutschland ca. 7,5 Millionen funktionale Analphabeten. Im Alltag sind sie nicht in der Lage, die Schriftsprache für sich zu nutzen. Im Internet surfen oder an Freunde, SMS oder E-Mails zu versenden ist schon ein gravierendes Problem.

„Wie soll ich einen Job finden? Ich kann nicht einmal eine Bewerbung schreiben, “ sagt er verzweifelt.

Analphabetismus hat nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun. Die Ursache ist meist ein Zusammentreffen verschiedener Faktoren: Neben individueller Besonderheiten spielen auch das Elternhaus und die Familiensituation eine wichtige Rolle. Erfahrungsberichte von Analphabeten zeigen, dass ihre Familie oft keinen Wert auf Bücher und Geschichten gelegt haben und somit die Sprachkompetenz der Kinder nicht gefördert wurde.

Oder sie berichten, dass ihre Eltern selten zu Hause waren und nur wenig Zeit mit ihnen verbrachten. Auch in Roberts Elternhaus war die Mutter aufgrund ihrer Putztätigkeit nur selten zu Hause. So blieb ihr keine Zeit gemeinsam mit ihm und seinen älteren Schwester zu lesen. Die Schwestern haben die Zeit regelmäßig allein vor dem Fernseher verbracht und sich Talkshows und Musiksendungen angesehen. Dort hat Robert dann auch zum ersten Mal von Harry Potter gehört. Aber ein Buch besaß er nicht.

Da die betroffenen Jugendlichen kaum Unterstützung erfahren, führt dies zunehmend zu Isolation, Schamgefühlen und letztlich zu einer mangelhaften Entwicklung des Selbstbewusstseins. Hinzu kommen die schulischen Probleme. Permanenter Zeitdruck und Personalmangel an den Schulen lassen den Lehrern kaum Möglichkeiten sich für die individuelle Förderung schwächerer Schüler zu engagieren.

Bereits nach ein paar Schuljahren fallen die betroffenen Schüler im Lesen und Schreiben zurück. Ihnen kann dann kaum noch geholfen werden. So fordern auch Politiker und Experten konkrete Maßnahmen zur speziellen Förderung für die Betroffenen.

Trotzdem die Kosten für einen Alphabetisierungskurs von der Agentur für Arbeit nicht übernommen werden, ist die Lage nicht aussichtslos. Betroffene können in jedem Alter, in anonymen Kursen noch lesen und schreiben lernen. Robert M. möchte einen Volkshochschulkurs zu besuchen vom dem ihm eine Freundin berichtet hat.

„Vielleicht wird ja doch alles besser und ich schaffe ich dann noch den Sprung ins Berufsleben“, sagt er ganz zuversichtlich.

Wann er sich anmeldet weiß er aber noch nicht, aber er hat es sich fest vorgenommen.

Photo: Matias North on unsplash

#Bildung

2 Kommentare zu „Lesen lernen wir später

  1. Hallo Frau Wallmann,

    unter dem Dach des MENTOR – Die Leselernhelfer Bundesverbandes e.V. engagieren sich weit über 13.000 Ehrenamtliche, um den Verlauf „Nicht lesen lernen – keinen Schulabschluss – keine Integration in die Gesellschaft“ für die jungen Menschen zu verhindern. Wir fördern Kinder und Jugendliche in einer 1:1-Situation in den Schulen uns suchen neue Mitstreiter. Denn gerade nach den Pandemie bedingten Schulschließungen gibt es mehr Kinder denn je, die Unterstützung beim Lesen lernen benötigen. Mehr Infos gibt es unter http://www.mentor-bundesverband.de

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