Perfektion – so what?

Viele sind noch mit dem Satz aufgewachsen, dass man alles schaffen kann, wenn man sich nur genug anstrengt. Das ist häufig eine Krux. Man schafft und tut, hat tausend Pläne und noch mehr Gedanken im Kopf. Die äußeren Ansprüche sind hoch, der Anspruch an sich selbst noch höher. Schließlich will man allen Anforderungen des Leben gerecht werden und das möglichst perfekt. Mit der Folge, dass sich Zufriedenheit erst dann einstellt, wenn eine Aufgabe zu Hundertprozent erledigt ist.

Im Prinzip ja nicht falsch, denn hätte es nicht immer mal wieder Perfektionisten gegeben, würden wir vermutlich heute noch mit der Kutsche fahren. Viele Höchstleistungen sind nur darauf zurückzuführen, dass Menschen mit ihrem Status Quo nicht zufrieden waren. Darunter sind häufig Musiker, Sportler und Wissenschaftler zu finden. Auch von Unternehmensgründer Steve Jobs weiß man, dass er quasi eine Inkarnation eines Perfektionisten war. Und sein ausgeprägtes Erfolgs- und Leistungsstreben geben ihm bis heute Recht.

Drama für das Umfeld

Aber wie so oft gibt es auch eine Kehrseite der Medaille. Denn die Ansprüche von Perfektionisten sind in der Freizeit meistens genauso hoch wie im Job. Einfach mal abschalten, nichts tun, Musik hören oder mit Freunden und Familie ein Essen genießen, fällt vielen schwer. „Diese Haltung ist charakteristisch für die Person und ihr Selbstverständnis und wird fatalerweise als Maßstab auf das gesamte Lebensumfeld angelegt, sagt die Psychologin Christine Altstötter-Gleich.

Das schafft immer wieder traurige Wirklichkeiten in Beziehungen, Jobs und Alltag. Denn Müßiggang kommt den Betroffenen wie verlorene Zeit vor, in der man ja noch etwas hätte erledigen können. Und wirft man einen Blick auf die psychosoziale Wirklichkeit von Perfektionisten und deren Beziehungs- und Arbeitswelten können Therapeuten und Coaches ein Lied davon singen, denn sie sind unermüdlich damit befasst, die frühkindlich so geprägten Muster zu entzweien oder nach Kräften zu heilen.

Problematisch oder dysfunktional wird der Perfektionismus nämlich dann, „wenn Verhaltensweisen wie exzessives Kontrollieren hinzukommen oder die Unfähigkeit zu delegieren. Aber auch das Verzögern von Entscheidungen aus Angst vor Fehlentscheidungen oder übermäßiges Planen, wie z. B. das ständige Anfertigen von To do Listen zählen dazu,“ so die Therapeutin.

„Perfektionisten werden dann leicht zu Getriebenen obwohl es für sie ganz entscheidend wäre, dass die nicht immer unter Volldampf stehen, sondern regelmäßige Erholungszeiten einhalten.“

Dass eine solche Art der erzwungenen Muße von den Betroffenen als nicht sonderlich angenehm empfunden wird, liegt schon in der Natur der Sache. Sie fühlen sich dann wie Junkee´s auf Entzug. Schließlich gibt es ja immer etwas zu leisten.

Anders die Alltagsperfektionisten. „Diese Menschen wollen zwar gut sein, haben aber keine Angst vorm Versagen und können auch Erfolge genießen,“ so Altstötter-Gleich. Vor allem achten sie auf ihre eigenen Bedürfnisse und sind auch in der Lage sich zu erholen. Damit lässt es sich erstmal bestens leben.

„Meistens steckt hinter perfektionistischem Verhalten das Bedürfnis gemocht zu werden oder einen guten Eindruck zu hinterlassen“, sagt Psychologe und Coach Peter Beer.

Ein Muster, das wir uns im Laufe des Lebens angewöhnt haben, das aber auch wieder aufgelöst werden kann. Dabei können folgende Schritte helfen:

Wann immer das Bedürfnis nach Anerkennung auftaucht, sollte es zunächst bewusst wahrgenommen werden. Anschliessend dann die Sache oder das Projekt, dass man gewöhnlich mit vollem Einsatz und hundertprozentiger Präzision erledigt hätte, einmal nur mit neunzig Prozent ausführen und beobachten, was in unserem Umfeld geschieht. In den meisten Fällen passiert nämlich gar nichts. Deshalb empfiehlt der Coach immer mal wieder eine „Egal“ oder „Ich lass dass jetzt so“- Haltung einzunehmen.

Gelassenheit braucht Disziplin

Ein zweiter wichtiger Schritt lässt sich auf ein Wort reduzieren:

Nein! Unbedingt Nein sagen lernen! Nein, zu den vielen übermächtigen Anforderungen! Nein, sich unersetzlich zu fühlen!

Diese Fähigkeit ist die wichtigste Waffe im Kampf um mehr Gelassenheit. Dazu ist erhebliche Disziplin notwendig. Denn vom Perfektionisten zum gelassenen Lebenskünstler zu werden, gelingt in den seltensten Fällen von heute auf morgen. Dafür braucht es erstens mentale Stärke und zweitens eine gewisse Energie – und wenn es nur die Energie ist, Brotkrümel auf dem Tisch zu ertragen. Deshalb erstmal klein anfangen und langsam steigern. Denn fertig wird man damit nie.

Eine amerikanische Tageszeitung „USA Today“ hat vor Jahren einmal errechnet, dass der Tag für wahrhaft perfekte Menschen weit mehr als 24 Stunden haben müsste. Insgesamt wäre ein 42 Stunden Tag optimal. Also ist es schon aus zeitlichen Gründen eine ziemlich aussichtslose Sache ein perfektes Leben führen zu wollen.

Photo: adult2398561-1920 on unsplash

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