…und raus bist du!

Trotz Corona-Krise und Homeoffice haben Diskriminierung und Mobbing im Job wieder zugenommen, schrieb die Süddeutsche Zeitung schon vor einigen Wochen. Die Spannweite herabsetzender Äußerungen und Handlungen sei enorm groß. Traurige Wirklichkeiten in einem derzeit doch schon so äußerst geschwächten Alltag. Und wirft man einen genaueren Blick auf die psychosoziale Wirklichkeit von Beziehungs- und Arbeitswelten in unseren Breiten, dann können vor allem Anwälte, Ärzte und Therapeuten ein Lied davon singen, denn sie sind unermüdlich damit befasst, die Opfer in ihrem Leid zu unterstützen oder sie nach Kräften zu heilen.

Laut einer Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin sind in 40 % der Mobbingfälle die Vorgesetzten die Auslöser. Das Ziel ist, den Mitarbeiter massiv unter Druck zu setzen. Ob Schikane, üble Nachrede, oder Ausgrenzung jeglicher Art, gemeint sind alle Arten unfairer Attacken von Vorgesetzen – aber auch Kollegen – die einen systematischen Charakter haben. Dies geschieht häufig durch die Anordnung sinnloser oder überfordernder Tätigkeiten, üble Nachrede, unsachliche Kritik, Schikanen jeglicher Art, aber auch durch Abwertung von guten Arbeitsergebnissen. Die Tricks sind häufig nicht nur vielfältig, sondern auch hinterhältig.

„Meistens liegen die Gründe in der Person selbst, sagt die Psychologin Bärbel Wadetzki aus München. Denn diese Zeitgenossen empfinden grundsätzlich weniger Angst, Reue oder empathische Regungen wie Mitgefühl.“

So können also schon ein Quäntchen Skrupellosigkeit gepaart mit psychosozialen Defiziten, Auslöser für das Mobbing sein. „Aber auch banalere Gründe wie Neid, Frust oder Langeweile sind häufig die Ursachen, “so Wardetzki.

Für die Opfer selbst sind die Folgen jedoch dramatisch und gesundheitlich schwerwiegend. „Schlimmstenfalls kann Mobbing sogar zu Depressionen, dauerhafter Arbeitsunfähigkeit oder Suizidgedanken führen, sagt Judith Orloff,“ Psychiatriedozentin an der UCLA-University in Los Angeles. Erschwerend kommt hinzu, dass die Aussicht sich juristisch erfolgreich zu wehren, äußerst schwierig und vor allem aber auch nervenaufreibend sein kann.

Zwar gab es in der Vergangenheit immer wieder Urteile, (z. B. ArbG Siegen, 1 Ca 1310/12), die den Betroffenen, Schmerzensgeld oder Schadenersatz aufgrund von Mobbing in beträchtlicher Höhe zugesprochen haben; dennoch setzt ein Anspruch auf eine „billige Entschädigung in Geld“ grundsätzlich voraus, dass der betroffene Arbeitnehmer konkret darlegt, wann welcher Arzt, welche Erkrankung bei ihm diagnostiziert hat. Allein die Tatsache, dass sich der Kläger in ärztlicher Behandlung befindet, reicht nicht aus. Dies hat erst kürzlich das Landesarbeitsgericht (LAG) Köln entschieden. |

In dem Urteil machten die Richter deutlich, dass der betroffene Arbeitnehmer beweisen muss, warum in der Praxis durchaus übliche arbeitsrechtliche Maßnahmen (z. B. Abmahnung, Kündigung oder arbeitsrechtliche Weisungen) gerade in seinem konkreten Fall geeignet sein sollen, eine Gesundheitsbeschädigung hervorzurufen. (LAG Köln, Urteil vom 10.7.2020, 4 Sa 118/20, Abruf-Nr. 217857 unter www.iww.de ).

Im Gegensatz zu körperlichen Gebrechen sind seelische Verletzungen für einen selbst und die Außenwelt jedoch nicht so leicht zu erkennen. Genau hier liegt dann auch die Gefahr für einen selbst. „Durch Mobbing wird das jeweilige Opfer scheibchenweise zermürbt. Der Betroffene merkt die erlittenen Schwächungen oftmals erst dann, wenn er schon am Boden liegt und aus eigener Kraft kaum noch aufstehen kann,“ so die Therapeutin Wardetzki.

Ihr dringender Rat lautet daher, bei Mobbing frühzeitig einen Arzt aufzusuchen, und von einem Spezialisten prüfen und dokumentieren zu lassen, wie schlimm es bereits um einen bestellt ist.

„Mobbing ist zwar keine Krankheit, sondern die Ursache der gesundheitlichen Störung.“

Und wer sich zutraut den Spieß umzudrehen, braucht vorallem starke Nerven und vertrauenswürdige Berater. Betriebsrat, Gewerkschaften, Gleichstellungsbeauftragte oder Rechtsanwälte bieten in solchen Fällen schnelle und professionelle Hilfe an.

Alleine Berge zu versetzen, wird selten gelingen. Und auf Verbündete im Kollegenkreis sollte man lieber nicht setzen. Die meisten befinden sich in einem Loyalitätskonflikt und haben deshalb Angst ihren Job zu verlieren.

Grundsätzlich effektiv ist aber auch die Zusammenarbeit mit spezialisierten Anlaufstellen. Mobbing-Opfer befinden sich rasant schnell in einem unheilvollen Hamsterrad der permanenten Rechtfertigung und Beschwerde. Richtigstellungen und Gespräche kosten Zeit, und der Konflikt wird damit in den seltensten Fällen gelöst. Von daher kann ein externes unabhängiges Team den Betroffenen viel gezielter unterstützen und geeignete Maßnahmen einleiten. Nicht selten stellen die Peiniger dann ihr Verhalten, schon allein aus Angst und Scham vor den Kollegen oder der Geschäftsleitung ein.

In vielen Fällen ist das Klima jedoch schon stark vergiftet, so dass es am Ende meistens eine Frage der persönlichen Entscheidung ist, ob das Opfer freiwillig geht. Ob diese Kapitulation dann als Niederlage oder Stärke gewertet wird, hängt dann allein von der Persönlichkeit des Betroffenen ab.

Photo: Logan Fisher on Unsplash

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