Winners

Ein Gastbeitrag von Monika Holstein

Lange habe ich ihn gesucht, meinen persönlichen Zwischensieger in einem Befragungsmarathon quer durch die Republik, eine spontane Fragerunde über vom Menschen überraschend erfahrene Sekunden-Glücke im Windschatten pandemischer Gegebenheit. Eine famose Geschichtensammlung kleiner Inseln von persönlichen Befindlichkeitshochs, viel mehr war nicht zu erwarten angesichts kollektiv gegebener Bedrohungslage und einer Virus-Challenge auf unbestimmte und etwas unübersichtliche Zeit.

Landauf landab habe ich homo sapiens befragt, habe ihn vielfach locken müssen aus seinem schwarz durchwölkten Gemüt mit der befremdlichen Vorstellung, irgendetwas Gutes sei doch bestimmt herausgekommen bei der ganzen Stubenhockerei, dem Stofftäschle vorm Gesicht, den Nudelmitsoße-Wüsten bei Tisch und dem Zollstock zwischen den Rippen. Im Sammelbecken wohl hundertfach gepriesener Coronabefindlichkeit tat dem Menschen mehrheitlich die Entschleunigung wohl, die Schwiegermutter sicher verklappt in ein befriedetes Gehege – verordnete Begegnungsdiäten schenkten dem häuslichen Frieden deutlich glückhafte Impulse. Babyboom und Scheidungsgipfel, all das wird verzeichnet sein im globalen Journal postpandemischer Gazetten.

Wirklich glücklich machten mich diese braven Besinnlichkeitsopern nicht, es lieferte etwas lahm den Spannungsbogen von Puschenkino hin zum Spazierstock eines Max Mustermann, der mir auf meinen soziologischen Feldforschungen nur zu oft begegnet war. Steifbeinig, das Gesicht etwas krampfig in dezentem Beige vermummt, so kam der Coronaspazierer daher, unsicher staksend, als balancierte er eine riesige Wassermelone auf dem Kopf. Den Schritt wohlgesetzt, die Gattin klammerig an sich gepresst, als gelte es, im Windschatten von Silberhochzeit noch mutig einem viralen Beschuss galaktischer Armeen standzuhalten.

Der Frisör sang Hymnen auf einen nie dagewesenen septischen Reinlichkeitsflash in seiner Bude, er würde ihn beibehalten bis zur Rente, immer geträumt habe er heimlich davon. Das Homeoffice als feinmotorische Kaderschmiede ließ manch dürre Bürogestalt zum heroischen Einzelkämpfer werden, wenn es galt, hochwichtige Geschäftsbriefe ohne ein einziges Katzenhaar im Couvert zu verklappen.

Die beste und virtuoseste Antwort – ich straffe bewusst das Verfahren – habe ich im Tausch gegen elf Eiskugeln, bunt gemischt, Straciatella, Schoko, Banane und am Schluss eine richtige Cola ertrotzt. Hektor, mein Platz Eins jener selig-sonnigen Stunde, war schwer zu finden. Auf ungewisse Zeit verzogen in die gigantische Kapuze seines Oversize-Wohnzeltes musste ich ihn mehrfach wecken, ihn regelrecht aufstören aus dieser Sorte textiler Zuflucht, aus der heraus ein flaumbärtiges Pubertier gemeinhin fast scheu und nur zögerlich reagiert. „Corona? Meinst du dieses komische Virusteil, weshalb dauernd frei war? Ja klar, krasse Sache. Also, das Beste daran war eigentlich, dass mir eingefallen ist, man könnte beim Haarewaschen auch mal die Augenbrauen schamponieren. Musste auch mal machen, das tut richtig gut!“ Sprachs und fiel samt Kapuze in sein still-meditatives Löffelkoma zurück – den Sauerstoffmangel seines lachend vom Bistrostuhl gleitenden Gegenübers hat er aus purer Höflichkeit geflissentlich ignoriert.

Also: Platz Eins Hektors ultimativer Survivaltipp. Immer schön Augenbrauen schamponieren, von Friesland bis Schwaben. Antiviral und garantiert über jeden Zweifel erhaben!

Dazu passende Musik auf die Ohren: https://www.youtube.com/watch?v=-SFFRaIUisY&fbclid=IwAR1AzYNdD3dEkabuI2ISNNIbZYKzMbkMs94Kop2wq_Uc-Xxp4U8iKRCXg6k

Die Autorin: Monika Holstein, Jg.63, lebt und arbeitet freiberuflich in ihrer Wortwerkstatt als Gesprächstherapeutin, Autorin und Lektorin im Raum Bonn und Stuttgart.

Photo: Joshua Golde on unsplash

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