HEUTE MORGEN ÜBERMORGEN

Neulich las ich einem Artikel über den Schriftsteller Cees Nooteboom. Er dachte darüber nach, was von Corona bleiben könnte. „Die Welt werde nicht mehr so sein wie früher, schrieb er, weil die Zeiten der Stille so tief in unseren Köpfen gespeichert seien, dass wir sie nie mehr vergessen würden.“ Corona also ein traumatisches Erlebnis, das uns noch lange beschäftigen wird?

Wie so oft, kann man darüber geteilter Meinung sein. Viele glauben, alles bliebe beim Alten, wenn nur erst alle Lockerungsmaßnahmen vollzogen wären und die Wirtschaft wieder in vollem Gange ist. Eben ganz normal. Und dann sind da noch die vielen selbsternannten Experten und allwissenden Propheten mit dubioser Agenda, die mit ihren Verschwörungstheorien nicht nur jede Menge Unsicherheiten schüren, sondern auch Tatsachen in Frage stellen.

Andere wiederum behaupten, dass die einschneidend wirkende Coronazeit so stark nachwirke, weil es sich um kollektive Ereignisse handele. „In ihnen erlebten wir uns nicht nur als prinzipiell heilbare, singuläre Gestalten mit individuellem Schicksal, sondern als kollektive Wesen, deren Handeln positive oder negative Konsequenzen für alle hat,“ schreibt der Kulturjournalist Hanns-Josef Ortheil.

Klingt plausibel, denn seit der Pandemie bewegen wir uns vorsichtiger, tragen Masken, halten mehr Abstand und vor allem inne. Überdenken nicht nur bisherige Arbeitskulturen und Wirtschaftskonzepte, sondern lernen auch viel. Über die anderen, aber aber vor allem über uns selbst. Kollektive Horizonterweiterung dank angeordneter Einkehr könnte man meinen. 

Und auch der Zukunftsforscher Matthias Horx zeichnet eine vom Wandel gepägte Post-Corona-Welt.

Die Corona-Krise dekonstruiert Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft und setzt alles neu zusammen. Dabei entstehen Permutationen, neue Verhaltensformen, Wertschöpfungen, kulturelle Codes in verschiedensten Bereichen – von den Produktionsketten der Wirtschaft über die Lebensformen des Alltags bis zur Bedeutung der Technologie im Visionssystem der Gesellschaft.“

Wandel entstehe plötzlich überall, woraus sich auch seine 10 Zukunftsthesen für die Post-Corona-Welt ergeben.

Nun lässt er bedauerlicherweise offen, wie er sich das genau vorstellt. Aber auch die „alte Normalität“ war ja keinesfalls normal, sie erschien nur so selbstverständlich. „Die Programme schienen einfach stabiler zu laufen und nicht, wie heute, auf Notstromaggregaten,“ schreibt der Spiegel. Und auch wenn es so scheint, als gäbe es durch die neuerlichen Lockerungen eine Art schrittweise Rückkehr zur Normalität, müssen wir vermutlich in Zukunft alte Lebensgewohnheiten aufgeben und neue Routinen entwickeln. Und das fühlt sich gerade so an, als hätte man den nächsten Level in einem Computerspiel erreicht: Personal und Setting sind bekannt, aber der Schwierigkeitsgrad ist gestiegen.

Einer der Gründe dafür mag sicher in der Tatsache liegen, dass der Mensch in seinen Entscheidungen nicht generell vernünftig handelt, sondern sich stattdessen viel lieber auf die für ihn angemessene Alternative verlegt. So zumindest die Ansicht des Sozialwissenschaftlers Herbert Simon. Zum Glück! – mag manch einer denken, denn das Bild eines humanoptimierten Ungeheuers ist nun auch nicht gerade die Krönung der Schöpfung.

Dennoch bedarf es in Zukunft zwingend neuer Verhaltensweisen, sagt der Sozialforscher Sören Fiedler.   

 Aber was genau bringt Menschen dazu, ihr Verhalten langfristig zu ändern?

Im Grunde sei es ganz einfach meint Fiedler und setzt dabei stark auf eine besondere Form von Bürgerbeteiligung. In dem man den Bürger zum Komplizen mache und ihn um Rat frage, könne man dauerhafte Verhaltensänderungen erreichen und auch verinnerlichen. „Man müsse von etwas wirklich überzeugt sein.“ Er stellt sich dabei einen spielerischen Wettbewerb vor, bei dem zum Beispiel Architekten neue Wohn- und Arbeitskonzepte für das Homeoffice oder die Gestaltung öffentlicher Räume und Ämter entwickeln könnten, um leichter Abstände zu wahren. Es könnte auch das beste Restaurant gekürt werden, das ein gemütliches Essen mit Abstand originell umsetzt. Nur so sei es möglich, in kürzester Zeit unter Einbindung der Bevölkerung, Journalisten, Wissenschaftlern und Lehrenden auf kreative Weise neue Verhaltensweisen zu entwickeln, die alle gern tun.

Der Mensch als Partner in Crime und Wegweiser in die vielzitierte „neue Normalität.“ Ein plausibler Ansatz und ganz sicher, hatten selbstbestimmte Verhaltensweisen schon immer eine viel größere Chance auf Nachhaltigkeit als Verbote.

Die Coronakrise ist ein Stresstest nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für die Gesellschaft. Aber auch eine Chance! Sehen wir beides in Zeiten globaler Herausforderungen, dann steht in dem trotzigen blitzblauen Frühlingshimmel mehr geschrieben als Krankheit, Tod und Insolvenz. Nämlich auch Optimismus und Zuversicht. Nicht gerade des Deutschen Kernkompetenz. Aber eine erprobte Erfolgsvariante des Optimisten. Sie bietet in Krisenzeiten Stabilität und immer auch eine Chance für neue Entwicklungen und kollektives Wachstum. Jeder kann etwas dazu tun. Heute, morgen, übermorgen. Wann immer es geht. Wir bekommen, was wir senden in diese Welt.

Photo: privat

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